Die besten und die schlechtesten Zeiten

Ja, wir sind’s schon wieder!  ;-)

Wir wissen, dass es lange her ist seit wir euch einige Neuigkeiten geschickt haben. Wir hatten uns einen Stapel an Entschuldigungen zurechtgelegt und einige von denen sind wirklich gut … aber hier geht einfach zu viel vor, um Zeit zu verschwenden.

Wenn hier Frieden herrscht, sind wir vielleicht in der Lage ein bisschen von dem mitzuteilen, was passiert ist.

Danke, dass ihr euch Zeit nehmt um das alles zu lesen.

Lieber Erich,

„In den besten und schlechtesten Zeiten bleibt Gott immer beständig. Er ist immer derselbe, ewig an deiner Seite …“, in diesen Worten scheint eine tiefere Bedeutung zu liegen, wenn man sich selbst in einem Land wie der Elfenbeinküste befindet, das wieder einmal am Rande eines realen Bürgerkrieges steht.

Nach 8 Jahren zerbrechlichen Friedens, einer Präsidentschaftswahl, die zu den kostspieligsten der Welt zählt, einer friedlichen ersten und zweiten Wahlrunde - in der Alassane Ouattara sich als deutlicher Sieger herausstellte (54,1%) – sieht es nun so aus, als wenn es zu einem schweren bewaffneten Konflikt kommt.

So sind zum Beispiel am Samstag den 18. alle Ouattara unterstützenden Zeitungen verboten worden, weil das Ghagbo-Regime (der unterlegene Ex-Präsident) sich weigert, die Wahlergebnisse vom 28. November anzuerkennen.

In Abidjan ist das Leben sehr schwierig geworden, da die Preise in die Höhe schnellen und es für viele der Einwohner gefährlich geworden ist zu reisen. Wir hören von bewaffneten Söldnern, welche nachts die Bevölkerungsteile, die deutlich für Ouattara sind, in den Teilen der Stadt attackieren und einschüchtern. Die Gbagbo-Regierung hat einen sofortigen Abzug aller UN und Französischen Truppen aus dem Gebiet der Elfenbeinküste gefordert. Dies klingt bedrohlich, ist aber in Wahrheit lächerlich, wenn es von einem Amtsinhaber stammt, der eindeutig die Wahlen verloren hat.

Für jemanden, der in ruhigeren Regionen der Welt lebt, mag das alles verwirrend und fremd klingen. Von einigen haben wir sogar die Meinung gehört, dass sich die UN einfach zurückziehen und die beiden Lager den Konflikt untereinander austragen lassen sollten. Das Problem dieses Szenarios besteht in einer beträchtlichen Gefahr, dadurch viele zivile Opfer zu riskieren, wie es sie auch schon während der militärischen Märsche der letzten Wochen gegeben hat.

Gerade letzten Freitag haben bewaffnete Einheiten, die loyal hinter dem (abgewählten) Gbagbo-Regime stehen, sowohl in Grand Bassam als auch in Abobo Moscheen angegriffen, wo sich Muslime zu den Freitagsgebeten versammelt hatten. Den ganzen Tag über bis früh in den Sonntagmorgen hinein wurden maskierte Männer gesichtet, die die Wohngegenden in Grand Bassam durchstreiften auf der Suche nach jedem, der mit dem Ouattara -Lager sympathisiert.

Derartiges hat sich in ganz Abidjan und auch in anderen Städten im Süden wiederholt, in welchen Ouattara deutlich während der Präsidentschaftskampagne unterstützt wurde.

Zu unserem Glück liegt Bouaké sicher im von ‚Rebellen’ kontrollierten Norden, der unerschrocken hinter dem (neu gewählten rechtmäßigen) Präsident Ouattara steht. Hierhin trauen sich die Gbagbo loyalen Truppen nicht.

Einfache Pinselstriche, einer nach dem anderen

Insgesamt denken wir, dass wir uns in einem relativ geschützten und sicheren Teil des Landes befinden. Gerade letzte Woche konnte ich (Rod) ohne Zwischenfälle nach Bamako, Mali und wieder zurück reisen. Außer einigen neuen Sicherheitsposten war alles in Ordnung und wir wurden bei unserer Rückkehr lächelnd und von den üblichen Fragen nach ‚Tee-Geld’ (d.h. „das übliche Schutzgeld“) begleitet empfangen.

Wir gehen unseren Tätigkeiten nach, ohne uns zu viele Gedanken um die allgemeine Lage zu machen. Wir beobachten die Situation, aber regen uns nicht über sie auf. Man könnte sagen, dass wir euch auch gerne beruhigen würden und sagen: Wie ein Gemälde mag unsere Situation von eurem Standpunkt aus vielleicht düsterer und verzweifelter aussehen, da ihr glaubt, die ‚vollständige Szene’ zu sehen.

Wenn man nahe heran tritt, verliert man das übermächtige Empfinden für die Szene und beginnt zu erkennen, dass das Gesamtwerk aus einfachen einzelnen Pinselstrichen erschaffen ist. Diese, wenn man sie einzeln und in ihrem Zusammenhang betrachtet, sind nicht so ungewöhnlich oder verstörend.
Versteht mich (aber bitte) nicht falsch: wir sind sehr beunruhigt angesichts all der Toten und des Gewaltpotentials in diesem wunderschönen Land, voll von einigen erstaunlichen Menschen.

Betet mit uns allen hier an der Elfenbeinküste, dass eine friedliche und einfache Lösung gefunden werden wird, um den Frieden in diesem ehemals ruhigen Land voller ehemals friedlicher Menschen wieder herzustellen.

JOURNEY CORPS
(das ist das Volontärprogramm der Missionsgesellschaft "WORLD VENTURE)

Wir haben den Einsatz mit unserer ersten Kohorte des Journey Corps begonnen. Wie ihr wisst wurden wir letztes Jahr gebeten, ein neues Programm für unsere Missionsgesellschaft WorldVenture zu leiten. Es wurde entworfen, um junge Menschen aus den USA, Europa und Asien für kulturübergreifende Dienste auszubilden.

Zwei Tage vor der ersten Präsidentschaftswahlrunde kam die erste Klasse an! „Leichtsinnig!“, mag man sagen. Ja, das können wir nachvollziehen. Doch rückblickend sehen wir, wie Gott sogar diese politischen Unruhen dazu genutzt hat, unseren Journey Corps Freiwilligen dabei zu helfen, das Leben in West Afrika besser zu verstehen und zu schätzen.

Eine der großartigsten Lektionen, die sie lernen mussten, ist es zu begreifen, dass jeder Tag (unvorgesehene) maßgebliche Herausforderungen bereithalten kann – in Form von Ausgangssperren, Demonstrationen, Bürgerunruhen, geschlossenen Banken und Geschäften, eingeschränkten Reisemöglichkeiten und anderen problematischen Gegebenheiten, die zu Zeiten politischer Turbulenzen jeden betreffen.

Dennoch sehen unsere Volontäre Menschen, die sich trotz allem zusammenreißen, um alles zu überstehen. Dies sind Lektionen, die man einfach bei keiner Bibelarbeit und vom Bücherlesen lernen könnte. Not ist das, was Gemeinschaft entstehen und das Vertrauen in den Allmächtigen wachsen lässt!

Denkt an uns, während wir sie durch diese angespannten Tage führen und uns fragen, ob wir die Evakuierungspakete wirklich benötigen werden oder ob sie nur als eine interessante Vorsichtsmaßnahme dienen.

Während ihr also auf die Weihnachtszeit zugeht (oder besser gesagt -  gerade aus ihr kommt), nehmt euch einige Zeit, um an all jene in diesem Land zu denken, die geliebte Menschen oder ihr Zuhause verloren haben, nur wegen Politikern, die sich weigern, sich an die Regeln halten und die Entscheidung ihres Volkes zu akzeptieren.

Es ist wahr, dass die Situation komplex ist und Gott weiß den Grund. Betet dafür, dass wir in diesen durch von Unruhen erfassten Tagen den Glauben an ihn behalten. Denn trotzdem ist, wie an jenem Tag vor über 2000 Jahren, die den Menschen geschenkte Hoffnung so real wie eh und je! Wir hoffen, dass ihr gesund und guten Mutes seid, wenn euch diese Worte erreichen, während ihr darauf wartet, was Gott für euch im neuen Jahr bereithält!

Im Frieden in Mitten des Sturmes,

Rod & Angelika Ragsdale - Elfenbeinküste

(aus dem Englischen übersetzt von Christine Schwarzer)